Klettwitz (gmina Schipkau), Deutschland
DEKRA Lausitzring: Oval im Tagebau, drei Tragödien, Tests als Rettung
Geschichte des Lausitzrings: Strecke für 158 Mio. Euro auf einem Tagebau, Tragödien von 2001, Insolvenz, DTM und der Wandel zum DEKRA-Testzentrum mit Trackdays.
- Typ
- Rennstrecke
- Länge
- 4,5 km
- Eröffnung
- 2000

Am 20. August 2000 verfolgten in der ehemaligen Grube eines Braunkohletagebaus bei Klettwitz 80.000 Menschen die Eröffnung einer Anlage namens EuroSpeedway Lausitz. Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe sprach damals von einer „greifbaren wirtschaftlichen Perspektive“ für die Region, und ein Teil der Gäste träumte von der Formel 1 auf der seinerzeit modernsten Strecke Europas. Ein Vierteljahrhundert später heißt die Anlage DEKRA Lausitzring, unter der Woche fahren dort Ingenieure und autonome Fahrzeuge, an den Wochenenden die DTM und Trackday-Fahrer. Der Weg zwischen diesen beiden Bildern führte über drei Tragödien einer einzigen Saison und über eine Insolvenz.
| Lage | Klettwitz, Gemeinde Schipkau, Landkreis Oberspreewald-Lausitz, Brandenburg, Deutschland; an der Autobahn A13 mit eigener Abfahrt |
| Typ | permanente Rennstrecke mit Oval und Testgelände; Areal von etwa 540 ha |
| Grand-Prix-Strecke | 4500 m oder 3442 m (konfigurierbar), 12 Kurven (5 rechts, 7 links), längste Gerade 648 m |
| Rennoval | 3,256 km, Trioval |
| Testoval | 5800 m, Geraden von je 2300 m, Höchstgeschwindigkeit in der Kurve 210 km/h |
| Fahrtrichtung | gegen den Uhrzeigersinn |
| Eröffnung | 20. August 2000 |
| Ovalrekord | Tony Kanaan, Reynard 01I-Honda, 34,747 s (209,596 mph), Champ Cars, 2001 |
| Rekord der GP-Strecke (2,796 mi) | Heikki Kovalainen, Dallara SN01-Nissan, 1:32,215, World Series by Nissan, 2004 |
| Tribünen | 100.000 Plätze, Haupttribüne 25.000 |
| Eigentümer | DEKRA, seit November 2017 |
| Wichtigste Veranstaltungen | DTM, IDM, CART (2001, 2003), World Superbike, A1 GP |
| Lizenz | FIA Grade 2 (laut RacingCircuits.info) |
| Status | in Betrieb; Rennstrecke und Testzentrum |
Asphalt in der Kohlegrube
Die Idee, die vom Tagebau zerfurchte Landschaft der Lausitz dem Motorsport zu überlassen, kam Mitte der achtziger Jahre auf, als die Region noch zur DDR gehörte. Motorradrennen im Gelände waren dort beliebt, und die Aussicht auf die erste permanente Rennstrecke des Landes reizte die Politik. Gestoppt wurden die Pläne durch die deutsche Wiedervereinigung. Neuen Anstoß gab es in den neunziger Jahren aus Berlin: Die Stadtstrecke AVUS ging wegen des wachsenden Verkehrs und der Sicherheitsbedenken ihrem Ende entgegen, und so wurde 1991 eine Gesellschaft gegründet, die einen Nachfolger finden sollte. Den Zuschlag bekam das Gelände des ehemaligen Tagebaus Meuro. 1995 gab die Landesregierung dem Projekt ihren Segen.
DEKRA, die Sachverständigenorganisation, die Autofahrer vor allem von der Hauptuntersuchung kennen, saß von Anfang an mit am Tisch. Nach Darstellung des Unternehmens nahmen künftige DEKRA-Mitarbeiter schon 1990 an den ersten Gesprächen teil, und der damalige Vorstandsvorsitzende Rolf Moll, aktiver Rennfahrer und Präsident der deutschen Motorsportkommission ONS, war ein entschiedener Befürworter des Baus; der Konzern hielt außerdem Anteile am Förderverein, an den Projektgesellschaften und am ersten Investorenkonsortium. Diese frühe Präsenz erklärt, warum zwei Jahrzehnte später gerade DEKRA nach der gesamten Anlage griff.
Die Erdarbeiten begannen im Juni 1998 und standen nach zwei Monaten still: Eine Gruppe von Anwohnern protestierte. Ebenso lautstarke Demonstrationen von Motorsportbegeisterten gaben den Ausschlag, und die Arbeiten wurden wieder aufgenommen. Im Mai 1999 wurde der Grundstein für die Haupttribüne gelegt, im Juni der erste Asphalt eingebaut, und am 2. Dezember 1999 fand das Richtfest statt. Insgesamt kostete die Anlage 158 Mio. Euro, davon steuerte das Land Brandenburg 123 Mio. bei.
Ein Trioval wie aus Pennsylvania
Die Dimension der Anlage hatte in Europa kein Gegenstück. Herzstück war ein Trioval von zwei Meilen Länge, das im Grundriss an die Strecke von Pocono in Pennsylvania erinnerte. Daneben lag ein zweites Oval, lang und schmal, fast vier Meilen, gedacht als Testanlage, das sich aber mit der Straßenstrecke in seinem Inneren zu einer langen Schleife verbinden ließ, der sogenannten Langstrecke. Über Oval und Infield erhob sich die Haupttribüne mit 25.000 Plätzen, und weitere Tribünen rund um das Oval fassten zusätzliche 95.000 Zuschauer. Nach Ansicht der Redaktion des Motor Sport Magazine war es das erste Oval mit Steilkurven, das in Europa seit den 1920er Jahren eröffnet wurde.
Die ersten Rennen fanden eine Woche nach der Eröffnung statt: zuerst die nationale Motorradmeisterschaft IDM, sieben Tage später die DTM. Das DTM-Debüt am 3. September 2000 verdarb ein Wolkenbruch. Beide Serien blieben der Strecke jedoch über Jahre erhalten und bilden bis heute das Rückgrat ihres Kalenders.
Das Jahr 2001: drei Schläge
Die erste volle Saison begann mit einem Todesfall. Am Mittwoch, dem 25. April 2001, testete Michele Alboreto, Vizeweltmeister der Formel 1 von 1985, auf dem Lausitzring den Prototyp Audi R8 vor dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Das Team fuhr an diesem Tag auf der langen Schleife, die das Testoval mit der Straßenstrecke im Infield verbindet. Nach einem Reifenwechsel begann der linke Hinterreifen langsam Druck zu verlieren; im langsamen Teil spürte Alboreto das nicht, und auf dem Oval, bei etwa 340 km/h am Ende der Hauptgeraden, versagte der Reifen. Der Audi hob ab und flog nach einer Reihe von Überschlägen über die Leitplanke. Der 44-Jährige starb noch an der Unfallstelle. Kurz darauf kam ein Streckenposten ums Leben. Laut RacingCircuits.info wurde der junge Streckenposten während einer Testsitzung von einem Tourenwagen angefahren.
Der dritte Schlag kam am 15. September 2001, wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September. Auf dem Oval fand das erste Rennen der CART-Serie in Europa statt, die German 500. Alex Zanardi, Meister dieser Serie von 1997 und 1998, drehte sich bei der Ausfahrt aus der Boxengasse, und Alex Tagliani traf seinen Wagen von der Seite, nahezu mit voller Geschwindigkeit. Zanardi überlebte, verlor aber beide Beine.
Zanardi selbst hat diesen Moment in seiner Autobiografie beschrieben, aus der Crash.net einen Auszug veröffentlichte:
„Leider machte ich meine dumme Pirouette und drehte mich weiter, bis Tagliani nichts anderes übrig blieb, als mein Auto bei 320 km/h in die Seite zu treffen. [...] Ein Teil des Autos blieb bei mir, und der andere Teil fuhr davon, mit Teilen von mir darin.“
Zehntausende Zuschauer sahen den Unfall von den Tribünen. Zanardi kehrte 2003 auf dieses Oval zurück, als CART zum zweiten und letzten Mal auf den Lausitzring kam: In einem umgebauten Auto fuhr er 13 Runden, so viele, wie ihm der Unfall genommen hatte.
Insolvenz und Übergangsjahre
Mitte 2002 stand die Strecke am Abgrund. Eine Berliner Bank (in der Quelle: Bank of Berlin), deren Tochtergesellschaft IBG Hauptgesellschafterin des Lausitzrings war, wurde Opfer eines Skandals auf dem Immobilienmarkt. Die Anlage geriet in die Insolvenz, das Verfahren begann im September, und der CART-Lauf wurde abgesagt; der Rest des Kalenders blieb erhalten. Gegen Ende des Jahres stimmte das Gericht einem Neuanfang zu, und eine neue Betreibergesellschaft übernahm die Strecke. Radio Lausitz ergänzt, dass eine Zeit lang die Schließung der Anlage drohte. Seit 2003 bestand unmittelbar daneben das DEKRA Technology Center mit eigenem Testoval; der Konzern eröffnete es mit dem Ziel, Erfahrungen aus dem Rennsport in die Konstruktion von Serienfahrzeugen zu übertragen. 2009 ging die Strecke in die Hände der Euro Speedway Verwaltungs-GmbH über, die einen Investitionsbedarf in zweistelliger Millionenhöhe vorfand und ihn nicht finanzieren konnte.
Das Trioval verlor mit jeder Saison an Bedeutung: Die britische Serie ASCAR kam und ging, und die deutsche Formel 3 experimentierte 2005 und 2006 mit Fahrten auf dem Oval. Das Gewicht verlagerte sich auf die Straßenstrecke. 2005 kam ein Verbindungsstück hinzu, das eine 3,4 km lange kurze Konfiguration ergab, die von da an die DTM nutzte; im selben Jahr debütierte auf der langen Motorradstrecke die Superbike-Weltmeisterschaft, und die Serie A1 GP nutzte die Automobilstrecke. Vor der Saison 2007 wurde die erste Kurve der Straßenstrecke zu einer engeren Kehre umgebaut, um Platz zum Überholen zu schaffen und den Massenkarambolagen beim Start der DTM-Rennen ein Ende zu setzen; das sanftere Original blieb für die Motorräder erhalten. Ein Jahr später wurde die Einfahrt in die Boxengasse in die letzten Kurven der Motorradstrecke verlegt, weil die bisherige die Fahrer zwang, hinter der letzten schnellen Kurve auf der Ideallinie zu bremsen. 2012 wurde die lange Schleife mit dem Testoval erstmals in einem Rennen genutzt, als die Langstreckenserie Rundstrecken-Challenge Nürburgring zum ersten Mal die Nordschleife verließ; die Veranstaltung wurde nicht wiederholt.
Geisterstädte statt Formel 1
Im Juli 2017 unterzeichnete DEKRA den Kaufvertrag für die gesamte Anlage, und ab November war der Konzern Eigentümer und benannte sie in DEKRA Lausitzring um. DEKRA erklärte, das eigene Testoval sei an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen, und bei der Suche nach Platz für den Ausbau habe sich der Blick wie selbstverständlich auf den Nachbarn gerichtet. Die 2017 verkündeten Pläne sprachen von einem „Innovationszentrum für die Prüfung der Mobilität der Zukunft“: zwei Stadtkursen, einem Überlandkurs, einem Autobahnabschnitt auf dem bestehenden Testoval und großen Asphaltflächen. Das Magazin Tourenfahrer kommentierte damals, die Zukunft des Lausitzrings als Rennstrecke sei „zumindest mehr als fraglich“, und sagte voraus, dass statt brüllender Rennwagen „Geisterautos in Geisterstädten“ das Bild der Anlage bestimmen würden.
Die Geisterstädte entstanden tatsächlich. 2019 beschrieb Volker Noeske, Leiter des Technology Centers, in der Fachzeitschrift „Automobil Industrie“ Attrappen von Stadtsilhouetten und transportable Gebäude, aus denen sich auf einem Streifen von 1,6 km Länge und 200 m Breite Dörfer, Kleinstädte, Fußgängerüberwege und geparkte Autos zusammensetzen lassen. Eines der nachgebildeten Szenarien war der Pirnaische Platz in Dresden, ein Verkehrsknoten mit vier Fahrspuren, Straßenbahngleisen und Busspur. Heute führt das offizielle Datenblatt der Anlage 80.000 m² Stadtkurse mit Kreisverkehren, Autobahnabfahrten und eingebauten Straßenbahnschienen auf, daneben das Oval von 5,8 km, einen Handlingkurs von 2,6 km, eine fünf Kilometer lange Geländestrecke und einen ABS-Abschnitt mit Belägen von Beton bis Basalt. Die Belegschaft wuchs von etwa 70 Personen im Jahr 2003 auf etwa 290, und im Herbst 2025 sollte neben der Strecke ein Testzentrum für Batterien von Elektroautos in Betrieb gehen.
Die Prognose vom Ende der Rennen bewahrheitete sich nicht. DEKRA tritt selbst nicht als Veranstalter auf, doch die Strecke kann weiterhin gemietet werden, und die Rennen gehen weiter: DTM und IDM sind zurückgekehrt. Die Wochenenden gehören den Rennen, die Woche den Ingenieuren; wie Noeske es formulierte: „Dekra hat schon Motorsport in der DNA“. Erik Pellmann, der das Technology Center leitet, sagte 2025, das Unternehmen habe bewiesen, dass es den Testbetrieb, bei dem Publikum naturgemäß nicht willkommen ist, mit großen Publikumsveranstaltungen vereinbaren kann, und der „Abgesang“ auf den Motorsport in der Lausitz, den manche 2017 anzustimmen begannen, habe sich als unangebracht erwiesen.
Die Strecke heute: Trackdays auf der Grand-Prix-Strecke
Für den Amateurfahrer zählt vor allem die Grand-Prix-Strecke: 4500 m oder 3442 m in der kurzen Version, 12 Kurven, Querneigung bis 10 Prozent, Steigungen bis 4,5 Prozent, 12 bis 24 m breite Geraden, deren längste 648 m misst. Der Betreiber bietet eigene Fahrprogramme an, darunter Sicherheitstrainings, die Qualifikation von Testfahrern und Fahrten im Renntaxi, und für Automobilclubs das Format Club Days, also geschlossene Trackdays auf der Grand-Prix-Strecke. Der Kalender für September und Oktober 2026 nennt Trackdays für Autos, ein Drifttraining, die DEKRA Klassik Tage für Oldtimer (19. September), die DMV Goodyear Racing Days (25. September) und das Tuningtreffen GRIP (4. Oktober). Vor Ort gibt es 21.000 befestigte Parkplätze, 300 feste Toiletten, 90 Duschen und 42.000 m² Zeltplatz.
Wer heute auf der Haupttribüne steht, hat dasselbe Trioval vor sich, auf dem Kanaan 2001 eine Runde in 34,747 Sekunden fuhr. Hinter seinem Rücken, auf den Parkplätzen, die sich außerhalb der Rennsaison in Städte aus Attrappen verwandeln, üben fahrerlose Autos die Fahrt über eine Dresdner Kreuzung.
Chronik
- 1980er Jahre: erste Pläne für eine Strecke auf Tagebauflächen in der DDR, gestoppt durch die deutsche Wiedervereinigung
- 1991: Gründung einer Gesellschaft zur Suche nach einem Standort für den Nachfolger der AVUS
- 1995: Zustimmung der Brandenburger Landesregierung zum Projekt
- Juni 1998: Baubeginn; zweimonatige Unterbrechung nach Protesten von Anwohnern
-
- Dezember 1999: Richtfest
-
- August 2000: Eröffnung des EuroSpeedway Lausitz
-
- April 2001: Tod von Michele Alboreto bei Tests des Audi R8
- Frühjahr 2001: Tod eines Streckenpostens bei Tests
-
- September 2001: erstes CART-Rennen in Europa; Unfall von Alex Zanardi
- 2002: Insolvenz des Betreibers, Absage des CART-Laufs, neue Gesellschaft gegen Ende des Jahres
- 2003: zweiter und letzter CART-Lauf, 13 Runden von Zanardi; Eröffnung des DEKRA Technology Center neben der Strecke
- 2005: kurze Konfiguration von 3,4 km für die DTM; Debüt von World Superbike und A1 GP
- 2007: Umprofilierung der ersten Kurve der Straßenstrecke zu einer Kehre
- 2009: Übernahme der Strecke durch die Euro Speedway Verwaltungs-GmbH
- 2012: erstes Rennen auf der langen Schleife mit dem Testoval
- Juli 2017: Kaufvertrag über die Anlage durch DEKRA; Eigentumsübergang im November 2017
- 2025: 25-jähriges Jubiläum der Strecke; Ankündigung eines Batterietestzentrums
Quellen (10)
- Lausitzring, RacingCircuits.info [en]
- DEKRA, Test- und Rennstrecke: Vom Tagebau zum Innovationszentrum für die Mobilität von morgen, 2025-08-13 [de]
- Redaktion, Lausitzring feiert Silbernes Jubiläum – ein Rückblick, Radio Lausitz, 2025-08-20 [de]
- Thomas Günnel, Lausitzring: Teststandort der Dekra für vernetzte Systeme, Automobil Industrie (Vogel Communications Group), 2019-08-28 [de]
- DEKRA Lausitzring [de]
- Michele Alboreto, Motorsport Memorial [en]
- DEKRA Lausitzring, Streckenelemente des DEKRA Lausitzrings [de]
- Lausitzring, Motorsport Database [en]
- Alex Zanardi, Gianluca Gasparini, Alex Zanardi – My Story, 2022-03-31 [en]
- Dekra übernimmt Lausitzring, Tourenfahrer, 2017-07-19 [de]